Die Bopparder Burg
Das breit
entfaltete Rheinpanorama von Boppard wird durch zwei architektonische
Akzente geprägt: die romanische Stiftskirche St. Severin und die
Kurfürstliche Burg.
Seit der Romantik gelten die trutzigen Höhenburgen als
landschaftsbestimmendes Element des Mittelrheintals. Historisch ist aber die
Niederburg als Bautyp fast ebenso stark vertreten.

Alte Burg von Südwesten, um 1880/90
Die
Bopparder Burg wie auch die anderen Stadtburgen im Mittelrheintal erfüllten
eine dreifache Funktion: Sie verstärkte die Verteidigungskraft der Stadt,
sie sicherte aber auch dem Landesherrn die Herrschaft über aufmüpfige
Bürger, die versuchten, reichsunmittelbare Unabhängigkeit durchzusetzen oder
wieder
zu
erringen. Schließlich
ermöglicht die Lage am Flussufer der Burg eine wirkungsvolle Kontrolle über
den Warenverkehr auf dem Strom. Der Rhein war im Mittelalter und noch lange
danach der bedeutendste Wirtschaftsweg nördlich der Alpen. Die
Landesherren, die das Glück hatten Flussanlieger zu sein, finanzierten sich
weitgehend über Zolleinnahmen. Im späten Mittelalter gab es zwischen Koblenz
und Bingen sieben Zollstellen (durchschnittlich alle 9 Flusskilometer
eine). Die Zollstelle an der Bopparder Burg war eine der wichtigsten und
brachte dem Trierer Erzbischof und Kurfürsten reiche Einnahmen. Im Zeitalter
der Europäischen Gemeinschaft versteht man den Zorn eines englischen
Reisenden aus dem 14.Jahrhundert, der diese Reiseerschwernisse als "furiosa
Teutonico-rum insania (wilder Wahnsinn der Deutschen) bezeichnete.
Bereits die ursprüngliche Burg zeigt eine Verteidigungskraft, die ihrer
Bedeutung entsprach. Der um 1265 errichtete erste Bau vertrat den
Bergfriedtyp. Er war konsequent zur Verteidigung konzipiert mit einem
hochgelegenen Zugang und einer unterbrechbaren Wendeltreppe in Mauerstärke.
Die auskragende Wehrplattform besitzt immer noch Wurföffnungen (maschiculi)
zur Verteidigung des Turmfußes.
Die Bopparder Burg greift damit Elemente der französischen Burgen-bautechnik
auf; sie war - soweit wir wissen
- die verteidigungsstärkste Burg dieses Typs im Rheingebiet. Der
ausgefeilten Kampfkraft steht im vierten Geschoss künstlerischer Luxus
gegenüber, der den Status des Kurfürsten und Erzbischofs von Trier als
Landesherrn und zeitweiligen Bewohner der Burg widerspiegelt. Der Erzbischof
von Falkenstein ließ in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die
Burgkapelle mit Aposteln, Heiligen und einem Weltgericht ausmalen. Die
Malereien sind durch die Kölner Kunst der Gotik geprägt.
In Boppard finden wir die bedeutendste Raumausmalung, die in einer
rheinischen Burg erhalten blieb.
Die Bauuntersuchung der letzten Jahre verdeutlicht die schrittweise
Erweiterung der Anlage durch Ringmauer und Nebengebäude zu einer
vierflügeligen schlossartigen Anlage des Frühbarock unter den Kurfürsten
Carl Caspar von der Leyen und Johann Hugo von Orsbeck. Der Ausbau war um
1700 abgeschlossen. Zahlreiche repräsentative Räume zeigen heute noch die
für den rheinischen Frühbarock charakteristischen "Kölner Decken".
Sie waren kennzeichnend für die Patrizierhäuser in Köln, in denen das
Balkenwerk die Vorgabe für eine Zierstuckierung gab.
Zwei reizende Belvederes in den Ecktürmchen der Rheinfront werden dem
Trierer Architekten Johann Christoph Sebastiani zugeschrieben und zeigen,
dass die Bauherren den landschaftlichen Reiz der Lage der Burg am Strom
schätzten.
Die Bauforschung ergab, dass der ganze Ostflügel der Burg von einem großen
Saal eingenommen war, von dem leider nur noch die Außenmauern und etwa ein
Drittel der "Kölner Decke" unter einer Verkleidung erhalten sind.
Trotz des mit dem Ende des Trierer Kurstaats (1794) einsetzenden Niedergangs
der Bopparder Burg (ab 1818 Gefängnis) und der damit verbundenen Verbauung
und Teilzerstörung ist der erhaltene Raumbestand des späten 17. Jahrhunderts
einzigartig im Lande.
Eine Freilegung, Restaurierung und angemessene Nutzung ist eine
Herausforderung für das zuküntige Restaurierungskonzept.