Bauhistorische Untersuchungen

Bei der Verpfändung der Städte Boppard und Oberwesel durch König Heinrich VII. an den Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg im Juli 1312 waren auch die beiden dazugehörigen Burgen im Vertrag eingeschlossen. Auf diese Weise kam der um 1265 errichtete, zuvor königliche Bergfried in den Besitz des Erzbischofs.
Der Turm stand ursprünglich frei und war nur durch einen hoch
liegenden Eingang betretbar. Möglicherweise besaß er eine heute nicht mehr vorhandene Ummauerung.
In den Jahren nach 1335 ließ der Trierer Erzbischof westlich an den Bergfried ein langgestrecktes Gebäude anfügen, das im heutigen Westflügel aufgegangen ist. Dieser Bau besaß einen zum Rhein gerichteten Stufengiebel und einen südwestlichen Eckturm. Vermutlich nahm er die Zollverwaltung auf. Der Trierer Erzbischof hatte bereits im Jahr 1314 den Bopparder Zoll vom König übertragen bekommen, war aber erst seit 1331 der wichtigste Zollherr in Boppard und damit Hauptnutznießer der daraus stammenden Einkünfte. Dies dürfte den Anlass für die Errichtung eines Zollhauses gegeben haben. Später wurde das Zollhaus nach Norden zum Rhein hin erweitert, vermutlich nachdem die Zollerhebung eine umfangreichere Verwaltung verlangte. Dieses Zollhaus wurde im Juni 1497 in einem Konflikt mit dem Erzbischof von den Bopparder Bürgern besetzt und beschädigt. Der anschließende Wiederaufbau ist am Gebäude teilweise noch ablesbar. Der weitere Ausbau der Anlage zur heute weitgehend noch erhaltenen Gestalt erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Zunächst wurde um 1661 an das alte Zollhaus auf der Westseite ein neuer Flügel angebaut. Dieser ist im heutigen Nordwestflügel weitgehend erhalten. Der ältere Westflügel erhielt 1672 ein schmuckvolles Portal und um 1687 ein neues Dachwerk. Vermutlich nach Zerstörungen im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 wurde die Anlage weiter ausgebaut. Dabei entstand 1694 unter Einbeziehung der älteren Bauteile ein lang
gestreckter Nordflügel mit einem Festsaal im Obergeschoss. Er erhielt am westlichen und am östlichen Ende jeweils einen pavillonartigen Eckaufsatz. Durch diesen Ausbau der älteren Anlage war eine prachtvolle Rheinfassade entstanden.
Diese teilweise vom bisherigen Forschungsstand deutlich abweichende Beschreibung der historischen Entwicklung der ehemaligen Kurfürstlichen Burg in Boppard ist das Ergebnis bauhistorischer Untersuchungen, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Neben sorgfältigen Beobachtungen am erhaltenen Bestand und der Anlage von Sondagen erbrachte die dendrochronologische Datierung verbauter Hölzer genauere zeitliche Zuordnungen. Diese Untersuchungen sollen in den kommenden Jahren fortgesetzt werden, um das historische Bild der Anlage abzurunden.

Lorenz Frank M.A., Historische Bauforschung in:
Sanierung und Umgestaltung Kurfürstliche Burg Boppard,
Architekturatelier Detmold / Berlin 2004

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